Was macht man, wenn man mal wieder einen Antrag auf Erteilung eines Antragformulars zur Bestätigung der Gültigkeit des Durchschriftexemplars benötigt? Auf zum Amt. Die Wartezeit kann man sich ja noch mit Wahrscheinlichkeitsrechnung vertreiben. Komm ich zu Schalter 4 wo die junge Sachbearbeiterin kurz genug dabei ist um sogar ein kleines Späßchen zu riskieren. Oder zu einem der anderen Schalter an denen sich die wesentlich älteren Kolleginnen von Zeit zu Zeit verächtlich zur Seite drehen und mit Ihren Blicken rufen „so wie du war’n wir einst, so wie wir wirst du sein.“

Meine Sachbearbeiterin rückt auf mein „Hallo“ lediglich Ihren Stuhl nach vorne was offenbar so viel heißt wie „Guten Tag, was darf ich für Sie tun?“. Effizient – immerhin. Auch mein Anliegen nimmt sie wortlos auf. Nun denn – ich bin ja auch nicht zum Plaudern hier, schließlich. Lediglich das Fehlen meines biometrischen Lichtbildes wird kommentiert. Sämtliche Formulare landen wieder in der Klarsichthülle und ihr Lächeln meint „bitte gehen Sie nun, denn Ihre Unterlagen sind ja wohl nicht vollständig“.

Prima, der nächste Fotograf ist zwar nur 400 Meter weit entfernt hat aber genau diese disqualifizierenden Hochzeitsfotos im Schaufenster bei denen man sich einerseits fragt, warum Menschen so etwas mit sich machen lassen und andererseits was für Leute trotz der exponierten Mahnmale bitteschön den Laden betreten. Bei 31 Grad sitzt die Frisur ja eh perfekt, die Backen glänzen und der zehn-Tage-Bart – soll so. Dazu dieses Profi-Studio. Na ja, mein Sonntagslächeln wird es schon raus reißen. „Bitte nicht lächeln, danke“. Da wird nur eins nicht enttäuscht – die Erwartung. Ach, Ihr EC-Gerät ist defekt? Tja also Bargeld bekomme ich nur mit dieser anderen Karte die ich noch nicht habe und deswegen gleich zur Sparkasse will. Dort benötige ich aber meine amtliche Bescheinigung die ich, das lässt der Name ja schon vermuten, auf dem Amt bekommen könnte. Wenn – ja wenn ich denn ein biometrisches Lichtbild von mir hätte. So eins wie das gerade vor Ihnen liegt. Sie sehen – der Kreis schließt sich… leider nur fast. Ihr Blick sagt „wenn ich dir die Bilder jetzt gebe kriege ich mein Geld nie“. Mein Blick sagt „wenn Du mir die Bilder nicht gibst, kriegst Du Dein Geld ganz sicher nie“. Ich fasse die Situation zusammen und sage „Schwieerig“. Sie sieht die Fotos an, atmet tief ein, sagt „Na gut“ und denkt „tschüssi 10 Euro“. Ok, ich sehe aus wie der letzte Kneipenschläger. Aber die Fotos hast du gemacht, verdammt.

Dass das Amt heute den langen Tag hat finde ich gut. Meine Sachbearbeiterin findet das aber nicht so gut. Sie bittet mich zu warten und tut daraufhin noch nicht einmal so als hätte sie was zu tun, weil ich sonst denken könnte sie hätte etwas zu tun. Vielleicht dachte Sie auch einfach nach. Meine Lektion in „bitte halten Sie Ihre Unterlagen beim nächsten mal vollständig“ dauert 10 Minuten. Dann verschwindet sie für weitere 5 Minuten um die Unterlagen zu holen die Sie bei unserem letzten Treffen aufgrund meiner Schlampigkeit wieder ins Archiv bringen musste. Irgendwie tat mir die Frau auch leid. Es macht sicher keinen Spaß Formulare auszuhändigen von denen der, der sie bekommt weder weiß was sie bedeuten noch, warum man sie braucht und ganz abgesehen davon nur sicher weiß dass er sie nie wollte. Hier macht man keine Menschen glücklich – man bewahrt sie bestenfalls vor Schlimmerem. Ich würde so gerne „danke“ sagen. Aber es gab bis hier hin leider nicht den geringsten Anlass dafür. Als sie mir meine Unterlagen aushändigt sage ich „danke“. Sie nickt mir zu. Das macht sie bestimmt nicht mit jedem.

In der Sparkasse sitze ich vor einem Computer vor dem wiederum drei weitere Sachbearbeiter sitzen und mir versichern, dass das normalerweise immer ganz flott geht. Nur in diesem speziellen Fall müsse man noch jemanden von der Fachabteilung dazu holen. Alle bestätigen mir, dass meine amtliche Legitimation absolut in Ordnung ist. Aber er sagt eben „nein“. Er ist der Computer. Ein bisschen wie in Little Britain – nur sind meine Menschenfreunde davon überzeugt das System überzeugen zu können. Die Fachabteilung ist da. „Löschen – neu anlegen“. Absurd, dass man dafür immer die Fachabteilung braucht. Aber ja, genau dafür braucht man sie immer. Je bekloppter die Lösung, umso wichtiger ist es, dass sie von fachlicher Seite noch mal abgesegnet wird. Auf meine 20 Euro Bargeld die ich nun in den Händen halte bin ich – ooch doch – ein bisschen stolz. Die Mitarbeiterin des Foto-Ladens schaut mich bei meinem Eintreten sehr überrascht an. Ein bisschen so als käme jemand herein den Sie niemals erwartet hätte. Die zehn Euro bezahle ich mit einem Lächeln – dieser Tag ging für uns beide gut aus.